Der Schnitter von Tolrach

Auf einem kleinen Hof im Schatten einer Felswand, ein wenig abseits der Straße, die von Tolrach nach Reruwalt führte, lebte einst ein Bauer. Seine Gattin war schon vor Jahren an einer Krankheit gestorben, seine Tochter – eine junge Frau von siebzehn Jahren – war sein Ein und Alles.
Seit Jahr und Tag bewirtschafteten Vater und Tochter gemeinsam das kleine Feld, das ihren Hof von der Straße trennte. Der Bauer war mit seinem einfachen Leben zufrieden. Die Ruhe, die er hier, ein wenig abseits des Dorfes hatte, gefiel ihm sehr. Hin und wieder ging er nach Tolrach, um seine Werkzeuge vom Schmied wieder in Stand setzen zu lassen oder den Heiler aufzusuchen, doch die meiste Zeit verbrachte er auf seinem Hof.
Da dieser geradewegs an der Straße nach Süden lag, kamen dort bisweilen Händler vorbei, mit denen er Waren und Neuigkeiten austauschen konnte. Nicht, dass er allzu viel auf die Welt da draußen gegeben hätte. Alles, was für ihn zählte, waren sein Hof und seine Tochter, an die er eben jenen Hof dereinst vermachen wollte.
Lange war auch seine Tochter mit diesem Leben zufrieden gewesen, denn sie liebte ihren Vater über alles. Doch mit den Jahren begann ihr das Leben auf dem Hof allzu eintönig zu werden. Immer öfter zog es sie ins Dorf und in die Gesellschaft anderer. Die Menschen, mit denen sie sich dort austauschte, erzählten ihr die wundersamsten Geschichten von fremden Ländern, gewaltigen Reichtümern und vollkommener Schönheit.
Wie allzu viele vor ihr ließ sich die Tochter des Bauern vom Reiz dieser Geschichten gefangen nehmen. Freilich erzählte sie ihrem Vater davon. Dieser belehrte sie jedoch über die Gefahren, die da draußen auf sie lauern mochten.
»Ein Dach über dem Kopf und ein Feld voller Korn ist alles, was man zum Leben braucht«, sagte er. »Gold und Reichtümer und Kunstwerke sind wertlose Güter. Nichts davon hält dich warm, wenn es Winter wird. Nichts davon gibt dir zu Essen, wenn du hungrig bist.«
Von diesen ernsten Worten ließ sich das Mädchen freilich nicht entmutigen. Mehr denn je träumte es von fremden Ländern. Der Bauer sah dies wohl, erkannte aber auch, dass er diesen Träumereien nicht Einhalt gebieten konnte. So ließ er seine Tochter darin schwelgen, erinnerte sie jedoch immer wieder an die Gefahren der weiten Welt.
Die junge Frau war hin und her gerissen zwischen den Verlockungen der Welt und der Liebe zu ihrem Vater. Als sie dann einmal mit einem Händler sprach, bot ihr dieser an, sie mit nach Umar Enor zu nehmen, wenn sie ihm auf dem Weg dorthin als Helferin zur Seite stehen würde. Nach einem Jahr würde er wieder den Weg nach Norden einschlagen und sie würde ihr altes Leben wieder aufnehmen können, wenn sie es denn wolle. Der Händler gab ihr Bedenkzeit bis zum Tag nach dem nächsten Vollmond. Bis dahin wollte er in Reruwalt auf sie warten.
Lange dachte das Mädchen über dieses Angebot nach. Ein Jahr war eine lange Zeit, doch war es keine Ewigkeit. Und eine Gelegenheit wie diese würde sich wohl nicht mehr so schnell ergeben. Also fasste die junge Frau einen Beschluss.
Schweren Herzens nahm sie also Abschied von ihrem Vater. Dieser war freilich betrübt und versuchte, sie umzustimmen. Doch er sah bald ein, dass er ihr damit nichts Gutes tun würde. So ließ er sie wehmütig ziehen und wünschte ihr Glück auf ihren Reisen.
»Ich werde hier auf dich warten«, sagte er, indem er sie auf die Stirn küsste.
Als die Tochter schon fast außer Sicht war, drehte sie sich noch einmal um und sah ihren Vater, wie er mit der Sense das Korn auf dem Feld schnitt – eine einsame Gestalt auf weiter Flur und dennoch ein Bild des Friedens und Glückes.

Ein Jahr hätte die Reise des Mädchens dauern sollen. Doch das Schicksal wollte es anders. Denn die Zeiten in Umar Enor waren sehr unruhig. Der König war gestürzt worden, sein Nachfolger hatte allen verräterischen Adeligen den Krieg erklärt.
Auch die Händler, bei denen die Tochter des Bauern war, blieben von diesen Unruhen nicht verschont. Oftmals mussten sie große Umwege einschlagen, um Schlachten aus dem Weg zu gehen. Zweimal fanden sie sich in einer belagerten Stadt wieder. Wie durch ein Wunder überstanden sie alle Widrigkeiten ohne Schaden zu nehmen. Doch ihre Rückkehr nach Reruwalt verzögerte sich wieder und wieder.

Der Bauer aber wartete Tag um Tag auf seine Tochter. Wieder und wieder fragte er Reisende nach Neuigkeiten über sie, beständig hoffte er, sie selbst auf der Straße aus dem Süden herankommen zu sehen. Im zweiten Winter nachdem sie aufgebrochen war, wurde er schließlich schwer krank. Doch auch das hielt ihn nicht davon ab, nach seiner Tochter Ausschau zu halten.

Als die junge Frau nach drei Jahren dann endlich heimkehrte, fand sie die sonst so wohl bestellten Felder verwildert vor. Auch der Hof war in einem schlechten Zustand. Von ihrem Vater aber fehlte jede Spur. Als sie im Dorf nach ihm fragte, erzählte man ihr mit Bedauern, dass er im vergangenen Winter gestorben sei. Groß war da ihre Trauer. Zu groß, als dass sie auf den Hof zurückkehren wollte. Fort zog sie in den Osten, nach Havalan.
Der Hof aber verfiel. Niemand wagte es, die Felder in Besitz zu nehmen. Von Zeit zu Zeit nämlich – so erzählte man sich – ginge dort ein unheimliches Gespenst um. Ganz blass und grau wäre es, mit einer Sense in der Hand. Den Schnitter von Tolrach nannte man es. Niemals verließ es die Felder und den Hof, noch tat es jemandem etwas zu leide.
Manch ein Händler erzählte jedoch, es habe ihn nach einer jungen Frau gefragt, die in den Süden gegangen sei.